Archiv der Kategorie: Nachdenkliches

Ich bin sooo wütend, aber auf wen oder was?

Montag, früh am Morgen. Zeit aufzustehen, die Kinder zu wecken und den Tag zu beginnen. Wir sind gut in der Zeit und solange das Bad belegt ist, schaffe ich es, den ein oder anderen Sonnengruß zu machen, sehr zur Freude unseres Hundes. Alles scheint gut. Wir frühstücken und die ersten beiden Kinder verlassen das Haus pünktlich in Richtung Schule. Im Briefkasten liegt ein Brief meines Arbeitgebers mit der Bitte, die Datenschutzerklärung zu unterschreiben und zurückzuschicken, damit mein Vertrag verlängert werden kann. Ich freue mich. Endlich scheint es klar, dass ich auch im nächsten Schuljahr einige Stunden unterrichten kann. Dass unser drittes Kind auf meine Weckversuche nur mit Grummeln und Stöhnen reagiert und sich demonstrativ in seinem Hochbett umdreht, scheint aushaltbar. Wieder ein Tag ohne Schule für ihn, ein blödes Spiel, das noch immer kein Ende nimmt.

Mit der unterschriebenen Datenschutzerklärung mache ich mich auf den Weg in „meine“ Schule und hoffe Näheres über das nächste Schuljahr zu erfahren. Fehlanzeige. Selbst wenige Tage vor dem Beginn der großen Ferien kann mir niemand sagen, ob es im nächsten Schuljahr Stunden für mich gibt oder nicht. 

Eine blöde Situation, die mich mit Tränen in den Augen aus der Schule gehen lässt. Draußen angekommen merke ich, wie viel Wut hinter diesen Tränen steckt, wie viel alte und auch sehr kindliche Wut in dieser unklaren Situation den Weg ans Tageslicht findet. Ich nehme mir Zeit und spüre diesem Gefühl nach, marschiere stampfend und spürend in Richtung  Praxis, im Wissen dort Raum und Ruhe zu finden, um mich um mich und meine Wut zu kümmern. Es gelingt mir die Wut zu kanalisieren und in Produktivität umzusetzen, und so schwinge ich den Putzlappen, reinige im Außen und lassen meine Gedanken und Gefühle fließen.

Meine Wut richtet sich auf alles Mögliche, auf mein Kind, das wieder einmal nicht funktioniert und sich weigert in die Schule zu gehen, auf meinen Mann, der genauso wenige Lösungen zu bieten hat wie ich, auf die Schule, ohne die wir viele unserer Probleme gar nicht hätten, auf die Behörden, die Menschen wie Ressourcen verplanen und glauben, alle Welt springt, sobald nach ihnen gepfiffen wird, auf die vielen Kollegen, die dieses Spiel seit Jahrzehnten mitspielen, klagend vielleicht, aber letztlich ohne Konsequenz, auf die vielen Eltern, die sich immer wieder über Schule beschweren und doch nicht aktiv werden, auf die vielen Familien, in denen der Alltag scheinbar gut funktioniert, auf mich, weil ich noch keine Lösung für unseren Sohn gefunden habe, auf meine Wut auf mich, weil ich weiß, dass ich keinen Grund habe, auf mich wütend zu sein und ganz am Ende dann auf diese Gefühl von Ohnmacht, das mir suggeriert, ich könnte gar nichts ändern. Und dann reißt der Wutstrom ab, denn an dieser Stelle sitzt er, der tiefe Schmerz, aus Zeiten, in denen ich vielleicht wirklich noch nichts ändern konnte oder die Außenwelt mir klarmachte, ich könne nichts ändern.

Dieser versteckte Schmerz aus Kindheitstage, der der Preis dafür war, sich mehr oder weniger bereitwillig in Systeme zu fügen, die suggerierten zu wissen, was das Beste für mich sei und wie ich zu sein hätte. Dieser Schmerz aus Zeiten, in denen Widerspruch schmerzhafter schien als Anpassung, in denen hinter jeder Ecke eine negative Konsequenz für vermeintliches Fehlverhalten wartete und Grenzüberschreitungen konsequent geahndet wurden. Aus einer Zeit, in der ich mir durch erwünschtes Verhalten eine Reihe Privilegien erarbeitet hatte, die ich nicht wieder verlieren wollte. Ich bin wütend auf mich, weil ich mich als Kind klaglos in das Machtgefüge in Schule und Erziehung gefügt habe und so oft tat, was man von mir erwartete, obwohl es mir innerlich widerstrebte. Nichts Schlimmes, die normalen Dinge, die von Kindern erwartet werden eben, aber gefühlt immer aus der Position des Aufforderungsemfängers und nicht aus einer Position des Miteinanders. Viel zu häufig einfach als „Ansage“, der Folge geleistet werden sollte, weil die zu befürchtenden negativen Konsequenzen bei Nichtbefolgung schlimmer waren, als der Aufforderung einfach nachzukommen.

Rückblickend eine verheerende Konstellation, denn den konstruktiven Umgang mit Situationen, in denen ich anderer Meinung war oder etwas anderes gebraucht hätte, habe ich so nicht gelernt. Und so erlebe ich dieses Gefühl von Ohnmacht und Fremdbestimmung noch heute und kann jetzt erst realisieren, wie wütend ich als Kind auf dieses ungleiche Machtgefüge in der Schule und in der Erziehung allgemein war und wie viel mehr Miteinander und Augenhöhe ich dringend gebraucht hätte. Jetzt, als erwachsene Frau und Mutter, gilt es neu zu lernen, das Gefühl von Ohnmacht zu erkennen und zu realisieren, dass ich in jeder Situation mitbestimmen kann, auch, wenn es sich erstmal nicht so anfühlt. Und auch, wenn es vielleicht nicht immer gleich große oder komplette Lösungen gibt, kann ich selbstbestimmt kleine Schritte gehen und dabei wieder spüren, wie ich selber in der Lage bin, mein Leben und meinen Alltag zu gestalten.

Ganz konkret heißt das, dass ich entscheiden kann, ob ich mich der langen Warterei auf eine mögliche Stundenzuteilung an der Schule aussetze oder aktiv einen neuen beruflichen Plan entwerfe. Ich kann entscheiden, wie ich meinen Sohn und unsere Familie in der schwierigen Situation mit Schule unterstütze, damit wir klarkommen. Ich kann mir Unterstützung holen, die ich brauche und ich kann mich jederzeit aktiv mit meinen Gefühlen auseinander setzen, mir selber zuhören, alten Stress erkennen und konstruktiv damit umgehen, um mein Leben so zu gestalten, wie es für mich am besten passt.

Am Ende bleibt ein Haufen kindlicher Wut, die gesehen werden möchte, und um die ich mich kümmere. Mein inneres Kind braucht einen Zuhörer, jemanden, von dem es sich verstanden fühlt. Als Erwachsene kann ich dieser jemand sein. Ich werde zuhören, wertschätzend, liebevoll und urteilsfrei, ich werde da sein. Und wenn die Zeit reif ist, werde ich mit meinem inneren Kind an der Hand Situationen anders angehen, gestaltend und nicht ohnmächtig, über den Tellerrand schauend, konstruktiver und spielerischer als jemals zuvor.

Wenn ein kleiner Mensch geboren wird…

Wenn ein kleiner Mensch geboren wird, erhält er vom Universum ein kleines Licht als Geschenk. Vielleicht stimmt der Begriff Geschenk hier nicht ganz. Es ist vielmehr eine Leihgabe für die Zeit, die der kleine Mensch auf der Erde lebt. Aber mehr dazu später.

Wenn also ein kleiner Mensch geboren wird, dann erhält er kleines Licht. Eine kleine innere Flamme, die Du sehen kannst, wenn Du dem kleinen Menschen in die Augen blickst. Dann siehst Du dieses Lebensfeuer, das vor Lebensfreude strahlt. Kleine Menschen leuchten oft vor Glück und nähren ihre kleine Flamme mit vielen neuen Entdeckungen, Berührungen und all der Liebe, die ihnen entgegenkommt. Die Eltern dieser kleinen Menschen freuen sich an der Flamme ihres Kindes, füttern sie mit Liebe, Nähe und Aufmerksamkeit. Sie beobachten mit Freude, wie sich ihr kleiner Mensch entwickelt und seine kleine Flamme immer heller strahlt. Die innere Flamme kleiner Menschen kann in ihrer ersten Zeit meist gut gedeihen. Liebe, Nähe, Verständnis, Unterstützung, Spiel und Spaß sind ihr Brennstoff. Nach einer Weile aber kommen die kleinen Menschen in ein Alter, in dem ihre Entwicklung aus eigener Kraft nicht mehr gut genug scheint und die Freude am inneren Leuchten auch ihren Eltern nicht mehr ausreichend zu sein scheint. So wie im Garten die jungen Triebe nach einiger Zeit an eine Stange gebunden werden, damit sie gerade wachsen, werden die kleinen Menschen an Messlatten gestellt, durchgecheckt und auf Leistung getrimmt. Ab diesem Moment begegnet ihnen eine andere Form der Unterstützung, weniger Verständnis und häufig das Gefühl, bewertet und gemessen zu werden. Spiel und Spaß rücken in den Hintergrund, und die Idee, nicht gut genug zu sein, schwächt die innere Flamme der kleinen Menschen und verdunkelt ihr Licht. Wenn man kleinen Menschen in diesem Alter in die Augen schaut, kann man die kleine Flamme manchmal nur noch schwer erkennen. Bei einigen kleinen Menschen scheint sie fast erloschen zu sein. Da die meisten Eltern der kleinen Menschen dies vor langer Zeit genauso erlebt haben, stellen sie diesen Prozess selten in Frage. Für die Eltern der kleinen Menschen ist normal, was jetzt geschieht, auch wenn kleine Teile von ihnen eine andere Sehnsucht spüren. Die Sehnsucht nach Leichtigkeit und Freude, nach innerem Antrieb und der Lust am Leben. Manchmal schaffen es die Eltern der kleinen Menschen, sich an die eigene innere Flamme zu erinnern. Manche stellen fest, dass ihre Flamme gerne heller leuchten würde, dass sie sich gerne viel mehr um ihre innere Flamme kümmern würden. Diese Menschen beginnen zu überdenken, was sie selbst erfahren haben, und was sie an ihre kleinen Menschen weitergeben möchten. An ihre kleinen Menschen, in denen die kleine Flamme noch vor kurzer Zeit so hell geleuchtet hat. Und diese Eltern beginnen das Strahlen und Leuchten der inneren Flamme in den Mittelpunkt ihres Lebens zu stellen. Sie beginnen ihre Flamme zu nähren durch schöne Erlebnisse, Gemeinschaft mit lieben Menschen, Zweisamkeit, Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse, Liebe, Nähe und Mitgefühl. Und sie geben der inneren Flamme ihres kleinen Menschen Nahrung, versorgen sie mit Liebe und Nähe, und freuen sich an ihrem Wachstum. Du kannst diese Menschen erkennen, wenn Du ihnen in die Augen schaust und darin ein lebensfrohes Leuchten findest. Diese Menschen haben eine magische Anziehungskraft, ihr Leuchten strahlt Wärme aus und weckt die Sehnsucht anderer Menschen nach einem Gefühl von innerer Wärme und Freude.

Diese strahlenden großen und kleinen Menschen werden es sein, die in uns allen wieder das Wissen erhellen, dass die kleine Flamme, die jeder Mensch bekommt, wenn er diese Welt betritt, nur eine Leihgabe ist. Eine Leihgabe, die wir dem Universum zurückgeben, wenn wir diese Erde verlassen. Diese Menschen werden uns daran erinnern, dass wir hier auf der Erde leben, um Freude und Liebe zu teilen, und daran, dass nichts im Leben wichtiger sein kann, als die eigene innere Flamme zu nähren zur Freude aller.

Von „Hast Du schon …“, „Musst Du nicht…“, und Selbstbestimmung

Irgendwo auf der Autobahn in Holland, Urlaubsrückreise. Eigentlich bin ich gut erholt, und doch ist meine Laune unterirdisch mies. Ich versuche jemanden über die Freisprecheinrichtung anzurufen, aber die funktioniert ausgerechnet jetzt nicht. Ich probiere mehrmals, ohne Erfolg. Mein Sohn macht einen Vorschlag zur Lösung, und ich gehe in die Luft. „Kann ich nicht endlich mal was alleine probieren? Warum meint jeder, er wüsste es besser als ich? Verdammt noch mal, ich will das alleine schaffen!“ Mein Sohn hat keinen Plan, was für eine Welle ihn da gerade wegspült, ist völlig irritiert, und ich auch. Sein nett gemeinter Vorschlag hat in mir eine emotionale Lawine ausgelöst und ihn mit fortgerissen. Es braucht einige Zeit des Schweigens, bevor ich die Klärung dieser Situation initiieren kann.

In den Wochen nach diesem Erlebnis begegnen mir in meinem Umfeld wiederholt ähnliche Situationen, die zum Glück nicht mehr die gleiche emotionale Wucht haben, mir aber deutlich machen, worum es hier geht: Um Selbstbestimmung.

Die Emotionen, die meinen Sohn so heftig getroffen haben, sind alt und stammen aus Kindheitstagen. Der Wunsch nach Autonomie ist uns genauso in die Wiege gelegt, wie der Wunsch nach Zugehörigkeit. Für Eltern immer eine Gratwanderung, denn Kinder wollen vieles selber machen, können es in unseren Augen aber oft (noch) nicht. Oder noch nicht schnell genug, oder noch nicht gut genug, oder oder…. Es gibt viele Gründe, warum wir meinen, Kindern (zum Teil ungefragt) helfen zu wollen oder Dinge für sie erledigen zu müssen. Zeit und die Angst vor Chaos sind wohl zwei wichtige Beweggründe, die uns häufig daran hindern, unsere Kinder noch selbstständiger werden zu lassen.

Und dann gibt es da noch einen anderen wichtigen Punkt, der uns treibt, unsere Kinder nicht alleine bestimmen oder alleine probieren zu lassen, und das ist die Idee, dass sie viele Dinge ohne uns gar nicht erst erledigen oder schaffen würden. Die Idee, dass es unserer Kontrolle bedarf, damit das Kind tut, was es tun soll. Dinge des Alltags, die wir häufig als Pflichten deklarieren, wie zum Beispiel Hausaufgaben, Zähneputzen, das Zimmer aufräumen, den Müller wegbringen, morgens pünktlich aufstehen, etc. Würden unsere Kinder all dies tun, ohne, dass wir sie dazu drängen?

Wenn ich meinen Gefühlen nachgehe, dann stelle ich fest, dass meine Eltern mich in der Kindheit in vielen Dingen haben sehr selbstständig werden lassen, und dass sie gleichzeitig, wie wohl fast alle Eltern, in manchen Dingen immer wieder nachgehakt haben, ob ich sie erledigt habe. Das war gut gemeint, und ich selber mache das seit Jahren so mit meinen Kindern, aber es hat Spuren hinterlassen. Wiederholte Nachfrage und das ständige Anhalten zum Erledigen der Pflichten engen ein, geben ein Gefühl von Unvermögen, Unzulänglichkeit und Unzuverlässigkeit und mindern die Entwicklung der Eigenverantwortung.

Alltägliche Fragen wie: „Hast Du Deine Zähne geputzt? Ist das Zimmer aufgeräumt? Hast Du die Vokabeln gelernt? Ist Dein Fahrrad in der Garage? Musst Du nicht noch Geige üben?“ gehören wohl zum Leben in Familien dazu, und diese List ließe sich beliebig erweitern. Wir Eltern empfinden sie als notwendig und normal. Doch wie würde es uns als Erwachsener gehen, wenn unser Mann oder unsere Frau uns täglich fragen würden, ob wir all unsere Pflichten erledigt hätten, ob wir pünktlich in der Arbeit gewesen wären, ob wir uns dort gut verhalten hätten, ob wir den Müll rausgebracht und die Spülmaschine ausgeräumt hätten, ob wir für den morgigen Tag vorbereitet wären und unseren Schreibtisch aufgeräumt hätten? Wenn Sie ähnlich gestrickt sind wie ich, würden Sie diese Fragerei gepaart mit einem Hinweis auf Ihr Alter schnell unterbinden, oder? Und ich glaube, dass es unseren Kindern in mancher Hinsicht genauso geht, wenn wir Eltern wie eine kaputte Schallplatte immer wieder mit der gleichen Litanei an Fragen daherkommen.

Es meiner Sicht bedeutet Elternsein auch, dass wir immer wieder neu abwägen müssen, in welchen Dingen unser Kind wirklich Hilfe braucht und in welchen nicht, wozu wir unsere Kinder wirklich drängen müssen und wozu nicht. Vielleicht ist es sogar so, dass unsere Kinder die von uns benannten Pflichten gar nicht als solche empfinden würden, wenn wir sie nicht so stark einfordern und kontrollieren würden. Denn ganz ehrlich, den Müll zu entsorgen empfand ich als Kind als blöde Pflicht. Heute finde ich es manchmal lästig, aber ich freue mich immer über einen leeren Mülleimer. Genauso mag ich den Geruch von frischer Wäsche, das gute Gefühl, das mir eine saubere Wohnung gibt, die Freude über einen aufgeräumten Schreibtisch und vieles mehr. Meine Zähne putze ich mir nicht nur, weil es gut für die Zähne ist, sondern, weil ich das Gefühl frisch geputzter Zähen mag! Und ich komme gerne pünktlich zur Arbeit, zu Terminen und Verabredungen, weil es für mich entspannter ist, und ich es als respektvoll empfinde. Ich muss mich dazu nicht zwingen, und es bedarf keiner Kontrolle.

Es lohnt sich, die alltägliche Routine zu hinterfragen und neu zu beurteilen, wo und wann unsere Kinder wirklich Unterstützung und Kontrolle brauchen, und wo sie sehr gut alleine zurechtkommen. Ich zumindest bin gespannt, wie viele der „Hast Du schon…?“ Fragen ich mir jeden Tag sparen kann.

Und übrigens: Natürlich kann und weiß ich einiges besser als meine Kinder, ich bin ja auch die Ältere. Aber ich weiß auch, dass Menschen ihre eigenen, manchmal auch unschönen, Erfahrungen machen müssen, um sich zu entwickeln. Und auch hier gilt es mit gesundem Menschenverstand abzuwägen und zu überlegen, wie wir unsere Kinder täglich bestmöglich begleiten können.

Mama muss zur Schule oder was Erziehung mit dem Entschärfen von Bomben zu tun hat

Freitagmorgen, 6 Uhr. Der Wecker klingelt gefühlt viel zu früh. Die Woche war anstrengend, emotionale Achterbahn aus den unterschiedlichsten Gründen. Ich bin müde, würde gerne einfach weiter schlafen, aber das geht nicht. Morgens bin ich das Zugpferd der Familie, die Erste die aufsteht und damit den täglichen Kreislauf in Gang setzt. Und außerdem muss auch ich zur Schule, habe Unterricht zur ersten Stunden.

Der Ablauf für heute Morgen ist klar besprochen. Ein Kind werde ich zur Schule fahren, bevor ich selber gehe. Die beiden anderen gehen alleine zur Schule. Ich starte meine Morgenroutine, freue mich, dass das erste Kind recht leicht aus dem Bett kommt. Dann die Nachricht: „Mama, ich habe da zwei Nummern vergessen zu machen.“ Ich schnaufe tief, eine kleine rote Warnlampe blinkt hektisch in meinem Kopf. Mein Gehirn spielt blitzschnell alle erdenklichen Szenarien durch, von der früher üblichen Strafpredigt über das rechtzeitige Erledigen der Hausaufgaben über die zeitliche Verzögerung, die durch diese Aufgaben jetzt entsteht. Mein Hirn reorganisiert blitzschnell den Morgenablauf und meine Mund antwortet erstaunlich gelassen: „Dann mach sie doch schnell jetzt.“  Und völlig problemlos schnappt sich besagtes Kind die Hefte und erledigt höchst konzentriert die fehlenden Hausaufgaben. Zeitlich wird es gehen. Ganz ehrlich, ich bin ziemlich stolz auf mich, denn vor noch nicht allzu langer Zeit hätte mich diese Situation in gefühlte Panik und Hektik versetzt, und weder das Kind noch ich hätten an einem solchen Morgen viel auf die Reihe gebracht.

15 Minuten später hat Kind eins die fehlenden Hausaufgaben erledigt, schiebt sich sein Frühstück noch schnell in den Mund und stößt im Bad auf Kind zwei, das sich mit einiger Mühe viel zu spät aus dem Bett gequält hat. Nun will auch Kind zwei aus nachvollziehbaren Gründen von mir  mit zum Bahnhof genommen werden.  Ich schaue auf die Uhr, bleibe ruhig, schnaufe tief und plane den schnellsten Weg von hier über Schule und Bahnhof bis zu meiner Schule. Auch als beide Kinder gleichzeitig den Föhn brauchen, und ich schon abmarschbereit bin, äußere ich nur kurz: „Ich will pünktlich in die Schule“. Ein verständiges „Ja, ich weiß.“ kommt mir entgegen, und ich bleibe ruhig, helfe zu organisieren und hole noch schnell eine Kinderjacke aus dem Kinderzimmer. Dies kann ich vor lauter frisch produziertem Chaos auf dem Boden kaum betreten, aber ich atme tief und bleibe ruhig. Diese Baustelle muss bis später warten. Es gelingt mir, beide Kinder in guter Stimmung pünktlich abzuliefern. Alles Weitere klären wir später.

Alleine im Auto wird mir langsam bewusst, wie viel Potential für Stress und Streit diese kurze Zeit nach dem Aufstehen in sich trug, und wie friedlich und zielführend wir damit umgehen konnten. Was mich vor einiger Zeit noch in Stress, Aufregung und Hektik versetzt hätte, kann ich inzwischen ruhiger und überlegter angehen. Meine dicken roten Knöpfe, die meine Kinder immer noch gerne drücken, führen jetzt nicht mehr zu inneren und äußeren Explosionen, sondern zu bewussteren und viel angemesseneren Reaktionen. Die Knöpfe sind noch da, aber die Bomben dahinter, die habe ich entschärft! Und so komme auch ich (fast) pünktlich vor Beginn der Stunde in meine Schule und stehe recht gelöst vor meiner etwas müden Klasse, die sich auch schon auf das Wochenende freut.

Was wäre, wenn wir uns selbst lieben könnten?

SelbstliebeWas wäre, wenn wir den berühmten Satz aus der Bibel „liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ wirklich leben würden?

Oh, ich glaube, wir tun das fast alle, irgendwie. Wenn ich mir die Welt um mich herum so anschaue, dann gehen sehr viele Menschen mit ihrem Nächsten genauso wenig liebend um, wie mit sich selbst. Denn, wenn die Welt da draußen der Spiegel der aktuellen Selbstliebe ist, dann ist es um diese (noch) schlecht bestellt.

Stehen Sie doch morgens mal auf und fragen Sie sich, wie Sie Ihren Tag beginnen würden, wenn Sie sich selbst lieben würden. Würden Sie aus dem Bett hechten, die Kinder antreiben, Ihr Frühstück (wenn überhaupt) viel zu schnell verschlingen und dann aus dem Haus hetzen? Würden Sie das einem Menschen raten, den Sie wirklich lieben? Nein? Warum tun Sie es sich dann selbst an?

Wenn Sie sich wirklich lieben würden, würden Sie dann der verlängerte Arm der Schule und des Staats sein wollen, der dafür sorgt, dass ihr Kind, wann immer irgend möglich in die Schule geht, auch mit Kopfschmerzen, Bauchschmerzen oder einer Erkältung? Würden Sie dafür sorgen, dass Ihr Kind Tag für Tag in eine Einrichtung geht, die es lieber meiden würde? Sind Sie in dieser Beziehung das perfekte Vorbild, weil Sie ja auch jeden Tag zu einer Arbeit gehen, die Ihnen keine Freude macht, auf die Sie aber nicht verzichten können? Nehmen Sie eine Kopfschmerztablette um auf jeden Fall arbeiten gehen zu können, auch wenn Sie sich eigentlich schlecht fühlen? Würden Sie dies Verhalten einem Menschen raten, den Sie wirklich lieben?

Wie also sollen wir liebend und mitfühlend mit anderen Menschen umgehen, wenn wir uns selbst so schlecht behandeln? Wie sollen unsere Kinder Wertschätzung und Mitmenschlichkeit lernen, wenn wir sie anleiten zu funktionieren? Wie sollen sie lernen auf ihre Bedürfnisse zu achten, wenn wir ihnen beibringen, dass das Gemeinwohl immer an erster Stelle steht? Wie sollen unsere Kinder sozial kompetent werden und die Bedürfnisse anderer achten, wenn sie ihre eigenen Bedürfnisse schon längst nicht mehr kennen? Wie sollen sie verstehen, wie sich andere Menschen fühlen, wenn wir ihre Gefühle leugnen?

Was wäre, wenn wir uns Zeit nähmen, auf unsere Bedürfnisse zu achten. Wenn wir mit uns selbst liebevoll und wertschätzend umgingen? Wenn wir unseren Kindern durch unser Beispiel zeigen würden, dass das Leben Freude macht, wenn wir gut für uns sorgen. Was wäre, wenn wir das Leben selbst in den Mittelpunkt unseres Lebens stellen würden?

Wenn Sie morgens aufstehen, sind Sie dann dankbar für diesen neuen Tag in Ihrem Leben? Lassen Sie Ihre Kinder diese Freude auf den neuen Tag spüren? Überlegen Sie, was Sie an diesem neuen Tag tun möchten? Was würden Sie tun, wenn dieser Tag vielleicht der letzte wäre? Würden Sie den Tag dann so angehen wie geplant? Überprüfen Sie doch nur mal so zum Spaß einen Tag lang, ob Sie das, was Sie da vorhaben und tun, was Sie sagen und denken, was Sie Ihren Kindern weitergeben und was Sie zu Ihnen sagen auch dann denken, tun und sagen würden, wenn Sie sich selbst und Ihre Mitmenschen lieben würden.

Mama, wann sind Ferien?

Schultüten

Es ist das Ende der 2. Schulwoche des neuen Schuljahres. Die Einschulung unserer Tochter liegt erst wenige Tage zurück, und wir sind mitten drin im Umbruch, den die Einschulung und der Start ins neue Schuljahr für so viele Kinder mit sich bringen.

Unsere Tochter hat sich unheimlich auf ihre Einschulung gefreut. Wochen vorher schon gab es kein anderes Thema für sie. Und während die großen Brüder mit Schrecken feststellten, dass das neue Schuljahr immer greifbarer wurde, freute sie sich über jeden Tag, den die Einschulung näher rückte.

Die ersten Schultage waren geprägt von Euphorie und dem Gefühl, jetzt endlich „groß zu sein“. Natürlich wollte unsere große Kleine gleich am zweiten Schultag alleine in die Schule laufen. Stolz stieg sie mittags die Treppen zum Hort alleine hoch, klingelte und verschwand lachend, um mir dann nachmittags strahlend die fertigen Hausaufgaben zu präsentieren. Abends fiel sie müde ins Bett und schlief selig bis zum frühen Morgen, um dann ungeduldig darauf zu warten, wieder in die Schule gehen zu dürfen. – So war die erste Schulwoche.

Heute Morgen begleitete ich ein müdes Kind bis ans Schultor. Am liebsten hätte sie mich noch mit in die Klasse genommen, um dort mit mir weiter zu kuscheln. Die Anfangseuphorie ist verflogen und hat einer gewissen Erschöpfung Platz gemacht. Schule wird jetzt zum Alltag. Diese Umstellung strengt an und sorgt für kleinere und größere innere Konflikte.

Unsere Tochter hat ihre eigenen Bedürfnisse nach Ruhe, Schlaf, Essen, Trinken, Bewegung, Nähe, usw. schon immer sehr gut ausdrücken können, und es ist mir wichtig, sie darin zu bestärken. Im Kindergarten ist sie damit gut klar gekommen, war gut integriert und hatte viele Freude. Hier hatte sie die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, wenn sie Ruhe brauchte, von der Bau- in die Malecke zu wechseln, wenn sie Veränderung brauchte, konnte zur Toilette gehen, wenn es „dran war“ und trinken, wenn sie Durst hatte. Und für die kleinen seelischen Tiefs waren liebevolle Erziehrinnen da, die sie auch einfach mal in den Arm genommen haben.

Mit dem Wechsel in die Schule hat sich für unsere Tochter vieles verändert. Der Drang nach Bewegung muss nun bis zur Pause warten, der Nachbarin mal eben erzählen, was auf der Seele brennt, wird auch nicht gerne gesehen. Die Gruppe verlassen, um in die Malecke wechseln, weil jetzt Abstand zu bestimmten Kindern angesagt wäre, geht auch nicht mehr. Das bedeutet für sie eine Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse zugunsten der Anpassung, und das verursacht kleine und große innere Konflikte und kostet Kraft. Selbst Tage mit „nur“ vier Schulstunden erscheinen jetzt lang, und es wird noch ein wenig dauern, bis sich unsere Tochter an die neue Situation gewöhnt hat.

Und so kommt es, dass die stolze Erstklässlerin nachts gerne die Nähe zu Mama und Papa sucht, auf dem Schulweg begleitet werden und nachmittags lieber nicht in den Hort gehen möchte und immer mal wieder fragt: „Mama, wann sind Ferien?“.

Die Realität hat mich wieder – der Alltag nach dem Urlaub

Manche Kontraste in meinem Leben sind einfach so stark, dass sie heftige emotionale Unwetter in mir auslösen. Heute war es mal wieder soweit. Während ich gestern noch friedliche Stunden alleine mit dem Hund verbracht habe, und ich die Stille in der Wohnung für einige Stunden entspannt genießen konnte, sind jetzt, nach einer Woche Urlaub bei den Großeltern, alle Kinder wieder zu Hause.

Auch wenn ich meiner Freude über die Rückkehr der Kinder nicht so eindrücklich Ausdruck verliehen habe, wie unser Freudentänze aufführender Hund, freue ich mich sehr, dass alle wieder zusammen sind. Und gleichzeitig war die erste Tageshälfte heute so anstrengend, dass ich jetzt gerne eine Woche Urlaub hätte – alleine ;-).

War ich in den letzten Tagen im Wesentlich nur für mich zuständig, stürmt jetzt die gute und schlechte Laune von drei Kindern auf mich ein, in einem Tempo, einer Wechselhaftigkeit und einer Intensität, an die ich mich erst wieder gewöhnen muss. Wenn alle gleichzeitig schlechte Laune hätten, wäre es vermutlich sogar leicht zu händeln, aber so gibt es abwechselnd immer wieder einen, der für ordentlich Stunk sorgt, während die anderen gerade fröhlich von den Ferien erzählen wollen. Puh.

Für den Moment bin ich sehr froh, dass die älteren Kinder sich ob des schlechten Wetters ins Kino verzogen haben, und die (große) Kleine mit einer Freundin spielt. Dieses Tempo wäre für den Rest des Tages schwer aushaltbar gewesen. Und gleichzeitig sehe ich solche Umbrüche (inzwischen) als große Chance mal wieder genau hinzuschauen, wo es denn zu Reibungen kommt, und was das Verhalten und die Reaktionen der einzelnen Kinder in mir auslösen. So war z.B. heute deutlich sichtbar, dass einem meiner Jungs einfach mal wieder so langweilig war, dass er mit jedem Stunk angefangen hat – sogar mit dem Hund – nur damit Action in der Bude ist. Soweit es unser aller Wohl diente, habe ich ihn zuerst in seine Schranken gewiesen, um danach in Ruhe mit ihm über das Thema Langeweile und seinen Umgang damit zu sprechen. Natürlich ist dieses Thema noch nicht erschöpfend behandelt, und so werden wir in den nächsten Ferienwochen am Ball bleiben. So deutlich wie heute habe ich das schon lange nicht mehr wahrgenommen, und ich bin dankbar dafür, dass es jetzt offen vor uns auf dem Tisch liegt und wir damit besser umgehen lernen können.

Nummer zwei hat in der Ferienwoche ordentlich Frust in sich hinein gefressen und mich beim Wecken schon so nett begrüßt, dass ich die Tür zum Zimmer wieder geschlossen habe, um mit den beiden anderen Kinder alleine zu frühstücken. Inzwischen hat sich sein Frust Bahn gebrochen und ich weiß, was gelaufen ist. Wir werden auch an diesem Thema dranbleiben. Vielleicht schaffen wir es das nächste Mal ja, ohne vorherigen Streit und schlechte Laune darüber zu sprechen, wo der Schuh gerade drückt.

Nach ein, bzw. zwei Wochen ohne Smartphone und Rechner spielte heute natürlich auch der vernünftige Umgang mit digitalen Medien wieder eine große Rolle. Und auch das gab zunächst Zoff und danach ein durchaus konstruktives Gespräch, in dem von allen Seiten das Einverständnis zu einem maßvollerem Umgang gegeben wurde.

Ja, es haben sich bei uns heute in sehr kurzer Zeit viele Reibungspunkte gezeigt, und das war wohl für alle sehr anstrengend. Jetzt gehen wir unterschiedliche Wege, um uns abzureagieren und zu stabilisieren. Und trotzdem war der Tag heute eine richtig große Chance zu sehen, was wir wirklich wollen und wie wir es erreichen können. Im Alltag arrangieren wir uns allzu oft mit Situationen, die wir so eigentlich nicht wollen, nur damit der Alltag einigermaßen rund läuft. Umbrüche sind daher oft hilfreich, um mal wieder genau hinzuschauen und klar zu formulieren, was wir wollen, und wie jeder einzelne in der Familie seinen Bedürfnissen gerecht werden kann. Auch und gerade in der Realität.

Vom Über-Leben zum Leben – der Luxus in meinem Leben

Earth day

Mein freies Wochenende! Bis auf den Hund sind alle verreist, mein Mann ist mit den Kindern bei seinen Eltern, und ich bin allein zu Hause! Über 50 Stunden, die nur mir gehören. Ganz bewusst bin ich „planlos“ in diese Tage gegangen, damit ich mich treiben lassen kann, mich dahin ziehen lassen kann, wohin es mich zieht. Und es zieht mich mit Macht an den Computer – schreiben, nichts anderes kommt mir gerade in den Sinn. Und so schreibe ich, worüber ich beim ausgiebigen Spaziergang mit dem Hund heute Vormittag nachgedacht habe, über das, was ich in meinem Leben als wahren Luxus empfinde.

Seit mehr als zwei Jahren bin ich nun schon dabei, die Dinge in meinem Leben anzuschauen, die Reibung in mir erzeugen. Wut und Aggressionen waren die Ausgangslage. Viel Geschrei im Familienalltag und große Unzufriedenheit haben mich dazu gebracht, die ersten kinesiologischen Sitzungen zu nehmen. Bis heute tritt nach jeder Sitzung Erleichterung ein, sind für mich mal kleine, mal große und mal bahnbrechende Fortschritte fühlbar und sichtbar. In diesen Sitzungen tauchen immer wieder Themen aus meiner eigenen Kindheit und aus den Generationen auf, so dass ich mich zunehmend mehr für meine „Geschichte“ interessiere, für das Leben der Generationen vor mir und dafür, welchen Einfluss es auf mein Leben und auf das Leben meiner heutigen Familie hat.

Da mein Großvater als einzig lebender Vertreter meiner Großelterngeneration inzwischen 92 Jahre alt ist, bin ich froh und dankbar für alles, was ich von ihm aus „erster Hand“ über sein Leben und das Leben der Generationen vor ihm erfahren kann. Und so sind mein Opa, meine Mutter und ich letzte Woche bei einem Besuch bei meinen Eltern in die Vergangenheit „abgetaucht“. Wir haben gemeinsam das Fotoalbum meiner Großmutter angeschaut und lange über die Familie der Mutter meines Großvaters gesprochen. Auch vom Tod von Opas Vaters während er an der Front war, und dass mein Großvater nichts fühlen konnte, als sein Vater starb. Ich sah Tränen in seinen Augen und begann ganz langsam zu begreifen, wie stark mein Großvater sich von seinen Emotionen abkoppeln musste, um den Krieg und die Zeit danach überleben zu können. Ich spürte die Zerrissenheit in ihm und die vielen nicht verarbeiteten schrecklichen Dinge, die er erlebt hat und/oder an denen er beteiligt war.

In meinem Kopf fügen sich Puzzleteile aneinander, ich beginne Zusammenhänge zu fühlen und zu begreifen. Emotionale Distanz und vermisste Liebe werden sichtbar, finden sich an vielen Stellen wieder. Verzweiflung, Überlebenswille und das in Kauf nehmen von Risiken, um zu überleben, zeigen sich. Obwohl wir in diesem Gespräch die Zeit des Kriegs nicht vertiefen, finde ich viele Informationen darüber in einem Buch, das die Schwester meines Opas geschrieben hat, und in dem sie ihr Leben und ihre Sicht auf die Zeit des 2. Weltkriegs und danach beschreibt. Beim Lesen habe ich auf einer sehr tiefen Ebene gefühlt und verstanden, wie sehr das bloße Überleben in dieser Zeit im Vordergrund stand. Einfach nur überleben.

Während ich mit dem Hund durch den sonnigen, kühlen Wald spaziere, wirken die Gespräche und das Buch in mir nach, und mir wird zutiefst bewusst, wie gut ich es habe. Und ja, ich bin sehr, sehr dankbar dafür!

Und dabei habe ich als Kind diesen Spruch immer gehasst: „Guck doch, wie gut Du es hast….“. Ich weiß nicht mehr, wer ihn gesagt hat, vermutlich mein anderer Großvater. Natürlich hatte ich es deutlich besser als er. Der Spruch kam aber immer dann, wenn es mir emotional gerade nicht berauschend ging, weil etwas nicht so lief, wie ich es mir vorgestellt hatte. Gemeint war mit dem Spruch nämlich: „Du hast keinen Grund Dich zu beschweren (zu motzen), Dir geht es viel besser als es uns ging.“ Gepaart mit dem Vorwurf der Undankbarkeit. Emotionale „Notstände“ eines Kindes zählten nicht.

Und hier finde ich für mich den wahren Luxus in meinem Leben. Neben dem sicheren Dach über dem Kopf, der im Winter gemütlich geheizten Wohnung, dem vollen Kühlschrank, … und vielem mehr, was für mich immer Normalität war, sehe ich den wahren Luxus darin, dass ich die Zeit und die Mittel habe, mich um mich zu kümmern. Wenn ich sehe, wie viel unverarbeitete traumatische Erlebnisse mein Großvater immer noch mit sich herumträgt, dann bin ich froh, dass es für mich Mittel und Wege gibt, mit emotionalem Ballast umzugehen und ihn aufzulösen. Mussten viele Menschen der Generationen vor mir ihre Emotionen unterdrücken und traumatische Erlebnisse verdrängen, um den Alltag bewältigen zu können und um zu überleben, kann ich hinschauen, kann Lösungen finden, damit ich mich besser fühle. Mich gut fühlen, mich um meine emotionalen Bedürfnisse kümmern, die emotionalen Bedürfnisse meiner Kinder sehen und ernstnehmen, das ist für mich wahrer Luxus. Wir haben die Möglichkeit, alte Wunden und Traumen im Familiensystem zu erkennen und zu heilen, und damit das Leben noch lebenswerter und leichter zu machen. In Familienaufstellungen habe ich mehrfach erfahren, wie die Vergangenheit auf die Lebenden wirkt und welch tiefgehende Heilung möglich ist. Wir haben die Mittel, die Zeit und die Möglichkeiten zu beenden, was über Generationen wirkte, damit wir und unsere Kinder davon unbelastet leben können. Muster, die sich in Familien wiederholen, können erkannt und durchbrochen werden.

Es ist nicht mehr notwendig, zu funktionieren, um zu überleben, und trotzdem gibt es noch viele Menschen, die schlicht funktionieren. Die ihre Emotionen mit Arbeit überdecken und meinen, sie müssten wie der Hamster im Rad immer weiter rennen. Neben anderen Verdrängungsweisen, wie z.B. Süchten, ist dies wohl die akzeptierteste und häufigste. Immer weiter machen, um nicht hinschauen zu müssen, wie es „innen“ aussieht, schlechte Gefühle und emotionale Schmerzen mit Arbeit und Routine betäuben. Wir haben den Luxus der Wahl, jeder einzelne. Wir können uns betäuben, wenn es uns nicht gut geht, oder wir können für uns sorgen, damit es uns besser geht. Wir können Mitgefühl für uns selbst entwickeln und auf uns achten, wir müssen nicht mehr schlicht über-leben, wir können leben – mit Freude! Ich bin zu tiefst überzeugt, dass Menschen, die mit sich selber mitfühlend umgehen, die auf ihre eigenen Bedürfnisse achten und für sich sorgen, automatisch mitfühlender mit ihren Mitmenschen umgehen und auch auf deren Bedürfnisse mehr Rücksicht nehmen. Und so entspannt sich mitunter auch das Familienleben :-).

Ich für meinen Teil bin sehr froh, aus dem Hamsterrad ausgestiegen zu sein und inzwischen wirksamere Methoden als Arbeit oder Essen zu kennen, die mir helfen, mit negativen Emotionen umzugehen. Sprüche wie „stell Dich nicht so an“, „das wird schon wieder“, „es muss ja“ gehören nicht mehr zu meinem Leben. Und so kann ich Emotionen immer besser wahrnehmen und zulassen, die schönen und die anstrengenden, denn ich weiß, dass ich damit umgehen kann. Welch ein Luxus im Vergleich zum Leben meiner Großelterngeneration!

So, der nächste Spaziergang mit dem Hund steht an. Die Sonne scheint, auf geht´s!

Kinder brauchen Träume!

Unser Sohn hat seit Jahren einen Traum für seine Zukunft, er möchte Architekt werden. Vor wenigen Wochen kam er sichtlich aufgeregt von einer, durch die Schule organisierten, Berufsberatung nach Hause und fragte mich aufgeregt: „Mama, weißt Du, wie der Berufsberater genannt wird? – Träumezerstörer!“. Das habe ich mir natürlich genauer erklären lassen. Und so schilderte mein Sohn mir empört, dass der Berufsberater ihm ausgerechnet habe, dass er noch 14 Jahre benötigen würde, bevor er als Architekt würde Geld verdienen können, und dass er sich nicht vorstellen können, dass das jemand finanzieren würde. Für den Berufsberater war Architekt kein realistisches Ziel, und das hat er wohl betont. Und natürlich ist es nicht der einfachste Weg von der Mittelschule über den M-Zug zur mittleren Reife zu kommen, um dann über Ausbildung und/oder Abitur zur Hochschulzulassung zu gelangen, aber es ist möglich! Und solange der innere Antrieb stimmt und unser Sohn weiter auf sein Ziel zusteuert, wird auch die Finanzierung immer irgendwie möglich sein!  Unser Sohn glaubt nach wie vor an seinen Traum, vielleicht sogar noch fester als zuvor. Anderen Kindern erging es da nicht so gut. Während der Berufsberatung  sind reihenweise Träume zerplatzt!

Und dabei ist eine Vision von der Zukunft, ein Traum, eine Idee wohin die Reise gehen soll, so wichtig! Im Kinder- und Jugendcoaching nutzen wir den Doppelten Future-Back-Check und die ressourcenbasierter Timeline als Werkzeug, um mit den Kindern und Jugendlichen Ideen zu entwickeln, wie gut sich die Zukunft anfühlen kann und welche Schritte nötig sind, um dies zu erreichen. Unterbewusst richten sich die Kinder dann immer wieder so aus, dass sie dieses gute Gefühl in der Zukunft erreichen können und entwickeln Motivation für den Weg dorthin. Deshalb sind Träume als positive emotionale Referenz in der Zukunft so wichtig für Kinder, Jugendliche und Erwachsene! Hier gilt es zu bestätigen und beim Finden von Wegen und Lösungen zu helfen.  Wer Träume zerstört, muss damit rechnen, dass die Motivation, und damit der eigene Antrieb, auf der Strecke bleiben. Und am Ende ist es vielleicht sogar egal, ob aus dem Traum Wirklichkeit geworden ist, wichtig ist, dass er im Augenblick als Referenz dient für das, was unser Sohn in der Zukunft erwartet oder für möglich hält.

 

 

Warum muss ich das machen?

An einem Mittag dieser Woche rief mich die Schule meines Sohnes im Lerncenter an, weil der junge Mann nicht in der Mittagsbetreuung erschienen war. Ein kurzer Telefonanruf zu Hause brachte schnell Klarheit. Wie von mir bereits vermutet, war das Kerlchen nach der Schule nach Hause gefahren und genoss einen freien Nachmittag mit dem Hund und dem großen Bruder.  Nachdem ich meinem Unwillen über diese Entwicklung laut und deutlich Ausdruck verliehen hatte, konnte ich zunächst die Betreuer in der Schule beruhigen, dann meine Arbeit umorganisieren und mich wutschnaubend auf den Heimweg machen.

Zu Hause angekommen begrüßte mich mein Sohn gutgelaunt und erzählte mir dann beim Mittagessen, dass er sich in der Mittagsbetreuung nicht wohlfühle, er eh keine Hausaufgaben zu machen hätte und er seine Zeit zu Hause sinnvoller verbringen können. Er sähe keinen Sinn darin, in die Mittagsbetreuung zu gehen. Und schließlich sei sein Bruder ja auch zu Hause und in keiner Betreuung.

So ähnlich,  aber noch nie so deutlich, hatte er mir den Sachverhalt früher schon geschildert, nur ist er dann halt doch in die Betreuung gegangen. Diesmal hat er seine Aussage mit Taten unterstrichen und ihr damit mehr Deutlichkeit verliehen.

Ja, ich mag „sowas“ nicht und ärgere mich immer wieder, wenn es bei uns nicht „rund“ läuft. Und ich hätte mich früher nie getraut, so zu handeln. Egal ob es mir gefallen hätte oder nicht, ich wäre geblieben wo ich sein sollte und danach pünktlich nach Hause gekommen. Und genau hier bringen mich meine Kinder immer wieder zum Nachdenken und oft auch zum Umdenken. Während es mir manchmal schwer fällt, meine eigene Meinung zu vertreten und ohne Angst vor Zurückweisung zu äußern, tut mein Sohn das recht deutlich. Er sagt seine Meinung (manchmal ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten anderer) und, wenn er in seiner Meinung nicht ernstgenommen wird, dann handelt er mit den Mitteln, die er hat. Verweigerung ist eins dieser Mittel.

Mit einigem Abstand zu dieser Situation würde ich das Ereignis heute so zusammenfassen: „Ich (Dein Kind) habe Dir (Mama) deutlich gesagt, dass ich mich in diesem Umfeld unwohl fühle, und Du hast mich vielleicht gehört, aber nicht ernst genug genommen. Wir haben zusammen keine Lösung gefunden, und es gab keine Veränderung für mich. Darum habe ich jetzt selbst für Veränderung gesorgt.“

Natürlich heißt das nicht, dass Absprachen, die wir Eltern mit unseren Kindern treffen, einfach ungültig werden. Nur war die Mittagsbetreuung in meinen Augen Notwendigkeit und mein Wunsch zur Erleichterung des Alltags, eine gegenseitige Abmachung war das nicht.

Generell glaube ich, dass es schon immer wichtig war, Kinder in ihrer Meinung ernst zu nehmen und ihnen zu erklären, warum sie etwas tun oder lernen sollte und nicht einfach vorauszusetzen, dass sie es schon tun werden, nur weil es von Eltern oder Lehrern gefordert wird. Vielleicht waren wir Eltern es noch eher gewohnt, das umzusetzen, was von uns verlangt wurde. Vielleicht auch häufig ohne zu hinterfragen warum. Unsere Kinder machen das nun z.T. rigoros anders und bringen mich damit oft an den Rand der Verzweiflung und auf jeden Fall zum Umdenken.