Von Elternschule, Zwang, Strafen und meinem Umdenken

Zumindest in den sozialen Netzwerken findet ein Film mit dem Namen Elternschule derzeit große Beachtung und wird von vielen Menschen mit Erschütterung aufgenommen. Da ich den Film (noch) nicht selbst gesehen habe, kenne ich bisher nur den Trailer und die vielen Stimmen aus dem Internet, die mit Entsetzen auf diesen Film reagiert haben.
Auch mir lässt alleine die Idee dieses Films keine Ruhe, zeigt er doch, wie Kinder dazu gebracht werden sich besser, d.h. gehorsamer zu benehmen, besser, d.h. alleine einzuschlafen, und vieles mehr. Die verwendeten Methoden sind lange bekannt, über Generationen erprobt und stecken auch mir in meinen erzieherischen Genen. Und das ist es, was eine gewissen innere Unruhe in mir auslöst. Denn allein die Existenz dieses Films ist es nicht, dieser polarisiert und passt damit genau in eine Zeit, in der die Dinge, die schon lang real aber eher vorborgen waren, ganz klar sichtbar werden.

Auch unsere Erziehungs- und Bildungslandschaft ist im Umbruch, und dieser Film macht deutlich, wie viel altes Denken uns noch in den Knochen steckt. Und wie oben schon erwähnt, gehe auch ich mit diesem Film in Resonanz. Erschreckend? Nein, für mich nicht mehr, denn ich habe inzwischen verstanden, warum ich Bücher wie „Tyrannen müssen nicht sein“, „Die Tigermutter“, u.a. faszinierend und abstoßend zugleich finde. Ihnen allen liegt der Wunsch zugrunde, Kinder auf die Spur zu bringen, sprich, sie folgsam zu machen, vermeintlich, um später ein erfolgreicher und gut funktionierender Teil unserer Gesellschaft zu werden und darin ihr Glück zu finden.

Als Mutter kann ich diesen Wunsch nicht nur nachvollziehen, sondern auch ich habe mir lange ein „normales“, angepasstes und vermeintlich glückliches Leben für meine Kinder gewünscht. Viel wichtiger aber als alle guten Wünsche für die Zukunft meiner Kinder war mir ein gut funktionierendes Alltagsleben. Und zwar in dem Takt und Rhythmus, den wir Eltern vorgaben. Da ich selber als Kind recht problemlos funktioniert habe, erwartete ich das Gleiche von meinen Kindern. Für mich war ganz klar, dass sie meinen Ansagen und Erwartungen folgen würden, das bedeutete für mich damals Erziehung. Als sie nicht folgten, geriet ich in unvorstellbaren Stress. Gefühle von Machtlosigkeit und Ohnmacht stellten sich mehr und mehr ein, was dazu führte, dass die Methoden, mit denen ich meine Kinder zum „folgen“, bzw. zum Gehorsam „überreden“ wollte immer krasser wurden. Eine Spirale aus Ohnmacht und immer heftigeren Sanktionen nahm ihren Lauf. Bald schlug das Gefühl von Ohnmacht in Wut um, die sich in regelmäßigen lautstarken und beidseits sehr verletzenden Auseinandersetzungen mit den Kindern ihren Weg aus meinem Körper suchte. Ein Zustand, der für alle Beteiligten verletzend, kraftraubend und frustrierend war. In diesen Tagen wusste ich nicht, wie ich die Situation hätte verändern können. Ich hatte dafür kein Vorbild, niemanden, mit dem ich mich darüber hätte austauschen können oder wollen und war der Überzeugung, dass Strenge, Konsequenz, Regeln und deren unbedingte Einhaltung und Umsetzung der beste Weg aus unserer Situation wären. Und ganz unten schlummerte der Wunsch, einmal im Leben endlich in der Rolle zu sein, in der ich das Sagen habe, in der andere tun, was ich für richtig halte. Und die Wut darüber, dass ich mich wieder ohnmächtig fühlte, dass meine Ideen nicht realisierbar waren, dass meine Kinder und damit mein Alltag nicht funktionierten, wurde ständig größer, die Wutausbrüche häufiger und irgendwann schrie ich meine Kinder schon auf dem Weg vom Kindergarten nach Hause an, obwohl wir uns gerade erst nach stundenlanger Trennung wieder gesehen hatten.

Ja, ich verstehe, wenn Eltern in ihrer Verzweiflung, in ihrem Gefühl von Ohnmacht, in ihrer Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit nach Wegen suchen, die ihre Kinder und ihren Alltag wieder in die Spur bringen. Und Teile von mir halten in meinen hilflosesten Momenten hartes Durchgreifen und Druckmittel immer noch für einen effektiven Erziehungsansatz.

Ja, ich verstehe, dass es Menschen gibt, die diesen Film für gut halten und die gezeigten Methoden für angemessen und gehöre heute zum Glück selber nicht mehr dazu.

Ich habe bitter erfahren, dass es Kinder gibt, die sich nicht brechen lassen, denen du jegliche Strafe aufdrücken und alle Privilegien nehmen kannst, und die dann immer noch nicht tun, was du willst. Und spätestens dann wissen auch die Methoden, die auf Zwang, Strafe und Liebesentzug setzen, nicht mehr weiter. Und an dieser Stelle erst begann mein Umdenken. An diesem Punkt war ich erst soweit, mir Hilfe zu holen, mich um mich selber zu kümmern. Herauszufinden, warum Gefühle wie Hilflosigkeit, Ohnmacht, mangelnde Wertschätzung, u.a. so heftige emotionale Reaktionen in mir auslösen. Ich begann zu verstehen, warum ich soviel brüllte und ich lernte nach und nach andere Weg kennen, um meine Wut und Verzweiflung zu kanalisieren. Ich lernte empathischer und liebevoller mit mir umzugehen und es gelang mir langsam, dies auch wieder mit meinen Kindern zu sein. Ich erkannte, dass es in der Erziehung nicht um Macht geht, sondern um ein Miteinander. Dass das Ernstnehmen der Wünsche meiner Kinder nicht bedeutet, sie auch erfüllen zu müssen. Dass ich es aushalten kann, wenn meine Kinder mal unzufrieden mit mir sind, weil ihr Wunsch nicht in Erfüllung geht, dass ich ihre Unzufriedenheit sogar sehen und spiegeln kann, ohne mich dadurch angreifbar oder manipulierbar zu machen. Ich verstand, dass meine Kinder mich authentisch brauchten, mich, so wie ich wirklich bin und nicht so, wie ich dachte, dass eine konsequente Mutter sein müsste. Ich verstand, dass liebevolles Begleiten natürlich auch was mit dem Setzen von Grenzen zu tun hat, aber dass diese Grenzen sehr individuell und in erster Linie meine ganz persönlichen Grenzen sind. Und ich nahm zum ersten Mal wahr, wie sehr ich die Grenzen meiner Kinder ohne mit der Wimper zu zucken überschritten hatte, ständig und immer wieder. Ich hatte versucht, meine Kinder folgsam zu machen, wenn es sein musste, in ihrem Willen zu brechen und mich gewundert, dass sie diesen Stress an den nächst Schwächeren (Geschwister) weitergaben.

Es hat gedauert, Monate, Jahre, um aus den alten Denk- und Verhaltensmustern heraus zu kommen. Es war Arbeit, bewusste, mitunter anstrengende und herausfordernde Arbeit. Es hat weh getan, vor allem, weil all das nur geht, wenn man ehrlich zu sich selbst ist, wenn man sich seinen Verletzungen und emotionalen Schmerzen stellt, wenn man sich aus seiner Komfortzone bewegt. Es hat gedauert – und es hat sich so gelohnt! Diese Jahren waren bestimmt die forderndsten in meinem Leben, oft auch die traurigsten und gleichzeitig die, die mich am meisten verändert haben. Die Jahren, in denen ich immer besser verstanden habe, wer ich eigentlich bin und warum ich so bin, wie ich bin. Jahre, in denen ich innerlich gewachsen bin und vielleicht endlich erwachsen wurde.

Ja, ich kann verstehen, dass Erziehungsmethoden wie im Film Elternschule immer noch Anhänger finden, und ich freue mich über jedes Elternteil, das bereit ist, es anders zu machen. Ich freue mich über jeden Menschen, der Kindern empathisch, liebevoll und auf Augenhöhe begegnet und sie mit dem Herzen sieht. Erziehung bedeutet für mich nicht, Kinder auf irgendeine Spur zu bringen, sie auf Leistung und Erfolg zu trimmen oder sie im Alltag zum Funktionieren zu bringen. Erziehung bedeutet für mich, Kinder beim Großwerden zu begleiten, ihnen zuzuhören, ihre Bedürfnisse und Wünsche kennenzulernen, ihre Träume zu sehen, ihre Gefühle zu tolerieren und zu achten und ihnen ein authentisches und liebevolles Vorbild zu sein. Wenn ich meinen Kindern eine Richtung für ihr Leben geben wollten, dann würde ich ihnen sagen: „Folge Deinem Herzen. Finde heraus, was Dich glücklich macht. Finde heraus, wo Dein Platz auf dieser Welt ist und welchen Beitrag und welche Potentiale Du in diese Welt trägst.“

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