Ich bin sooo wütend, aber auf wen oder was?

Montag, früh am Morgen. Zeit aufzustehen, die Kinder zu wecken und den Tag zu beginnen. Wir sind gut in der Zeit und solange das Bad belegt ist, schaffe ich es, den ein oder anderen Sonnengruß zu machen, sehr zur Freude unseres Hundes. Alles scheint gut. Wir frühstücken und die ersten beiden Kinder verlassen das Haus pünktlich in Richtung Schule. Im Briefkasten liegt ein Brief meines Arbeitgebers mit der Bitte, die Datenschutzerklärung zu unterschreiben und zurückzuschicken, damit mein Vertrag verlängert werden kann. Ich freue mich. Endlich scheint es klar, dass ich auch im nächsten Schuljahr einige Stunden unterrichten kann. Dass unser drittes Kind auf meine Weckversuche nur mit Grummeln und Stöhnen reagiert und sich demonstrativ in seinem Hochbett umdreht, scheint aushaltbar. Wieder ein Tag ohne Schule für ihn, ein blödes Spiel, das noch immer kein Ende nimmt.

Mit der unterschriebenen Datenschutzerklärung mache ich mich auf den Weg in „meine“ Schule und hoffe Näheres über das nächste Schuljahr zu erfahren. Fehlanzeige. Selbst wenige Tage vor dem Beginn der großen Ferien kann mir niemand sagen, ob es im nächsten Schuljahr Stunden für mich gibt oder nicht. 

Eine blöde Situation, die mich mit Tränen in den Augen aus der Schule gehen lässt. Draußen angekommen merke ich, wie viel Wut hinter diesen Tränen steckt, wie viel alte und auch sehr kindliche Wut in dieser unklaren Situation den Weg ans Tageslicht findet. Ich nehme mir Zeit und spüre diesem Gefühl nach, marschiere stampfend und spürend in Richtung  Praxis, im Wissen dort Raum und Ruhe zu finden, um mich um mich und meine Wut zu kümmern. Es gelingt mir die Wut zu kanalisieren und in Produktivität umzusetzen, und so schwinge ich den Putzlappen, reinige im Außen und lassen meine Gedanken und Gefühle fließen.

Meine Wut richtet sich auf alles Mögliche, auf mein Kind, das wieder einmal nicht funktioniert und sich weigert in die Schule zu gehen, auf meinen Mann, der genauso wenige Lösungen zu bieten hat wie ich, auf die Schule, ohne die wir viele unserer Probleme gar nicht hätten, auf die Behörden, die Menschen wie Ressourcen verplanen und glauben, alle Welt springt, sobald nach ihnen gepfiffen wird, auf die vielen Kollegen, die dieses Spiel seit Jahrzehnten mitspielen, klagend vielleicht, aber letztlich ohne Konsequenz, auf die vielen Eltern, die sich immer wieder über Schule beschweren und doch nicht aktiv werden, auf die vielen Familien, in denen der Alltag scheinbar gut funktioniert, auf mich, weil ich noch keine Lösung für unseren Sohn gefunden habe, auf meine Wut auf mich, weil ich weiß, dass ich keinen Grund habe, auf mich wütend zu sein und ganz am Ende dann auf diese Gefühl von Ohnmacht, das mir suggeriert, ich könnte gar nichts ändern. Und dann reißt der Wutstrom ab, denn an dieser Stelle sitzt er, der tiefe Schmerz, aus Zeiten, in denen ich vielleicht wirklich noch nichts ändern konnte oder die Außenwelt mir klarmachte, ich könne nichts ändern.

Dieser versteckte Schmerz aus Kindheitstage, der der Preis dafür war, sich mehr oder weniger bereitwillig in Systeme zu fügen, die suggerierten zu wissen, was das Beste für mich sei und wie ich zu sein hätte. Dieser Schmerz aus Zeiten, in denen Widerspruch schmerzhafter schien als Anpassung, in denen hinter jeder Ecke eine negative Konsequenz für vermeintliches Fehlverhalten wartete und Grenzüberschreitungen konsequent geahndet wurden. Aus einer Zeit, in der ich mir durch erwünschtes Verhalten eine Reihe Privilegien erarbeitet hatte, die ich nicht wieder verlieren wollte. Ich bin wütend auf mich, weil ich mich als Kind klaglos in das Machtgefüge in Schule und Erziehung gefügt habe und so oft tat, was man von mir erwartete, obwohl es mir innerlich widerstrebte. Nichts Schlimmes, die normalen Dinge, die von Kindern erwartet werden eben, aber gefühlt immer aus der Position des Aufforderungsemfängers und nicht aus einer Position des Miteinanders. Viel zu häufig einfach als „Ansage“, der Folge geleistet werden sollte, weil die zu befürchtenden negativen Konsequenzen bei Nichtbefolgung schlimmer waren, als der Aufforderung einfach nachzukommen.

Rückblickend eine verheerende Konstellation, denn den konstruktiven Umgang mit Situationen, in denen ich anderer Meinung war oder etwas anderes gebraucht hätte, habe ich so nicht gelernt. Und so erlebe ich dieses Gefühl von Ohnmacht und Fremdbestimmung noch heute und kann jetzt erst realisieren, wie wütend ich als Kind auf dieses ungleiche Machtgefüge in der Schule und in der Erziehung allgemein war und wie viel mehr Miteinander und Augenhöhe ich dringend gebraucht hätte. Jetzt, als erwachsene Frau und Mutter, gilt es neu zu lernen, das Gefühl von Ohnmacht zu erkennen und zu realisieren, dass ich in jeder Situation mitbestimmen kann, auch, wenn es sich erstmal nicht so anfühlt. Und auch, wenn es vielleicht nicht immer gleich große oder komplette Lösungen gibt, kann ich selbstbestimmt kleine Schritte gehen und dabei wieder spüren, wie ich selber in der Lage bin, mein Leben und meinen Alltag zu gestalten.

Ganz konkret heißt das, dass ich entscheiden kann, ob ich mich der langen Warterei auf eine mögliche Stundenzuteilung an der Schule aussetze oder aktiv einen neuen beruflichen Plan entwerfe. Ich kann entscheiden, wie ich meinen Sohn und unsere Familie in der schwierigen Situation mit Schule unterstütze, damit wir klarkommen. Ich kann mir Unterstützung holen, die ich brauche und ich kann mich jederzeit aktiv mit meinen Gefühlen auseinander setzen, mir selber zuhören, alten Stress erkennen und konstruktiv damit umgehen, um mein Leben so zu gestalten, wie es für mich am besten passt.

Am Ende bleibt ein Haufen kindlicher Wut, die gesehen werden möchte, und um die ich mich kümmere. Mein inneres Kind braucht einen Zuhörer, jemanden, von dem es sich verstanden fühlt. Als Erwachsene kann ich dieser jemand sein. Ich werde zuhören, wertschätzend, liebevoll und urteilsfrei, ich werde da sein. Und wenn die Zeit reif ist, werde ich mit meinem inneren Kind an der Hand Situationen anders angehen, gestaltend und nicht ohnmächtig, über den Tellerrand schauend, konstruktiver und spielerischer als jemals zuvor.

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