Archiv für den Monat: April 2018

Von Wellentälern und dem Weg da raus

Ostermontag, der Regen läuft an den Fensterscheiben runter, der Himmel ist grau, die See vor dem Fenster des Ferienhauses ist unruhig. Außer dem Ticken der Uhr hinter mir ist es ruhig. Der Hund schläft und meine Familie ist zu einem Ausflug aufgebrochen, heute mal ohne mich.

Seit Wochen hatte ich mich auf diesen Urlaub gefreut, hatte Erholung, Sonne, Meer und Zeit am und auf dem Wasser herbeigesehnt. Trübsal, Albträume in den Nächten und schlechtes Wetter hatte ich nicht eingeplant, und so erwischte ich mich gestern bei dem Gedanken, nur noch wenige Tage hier sein zu müssen, bevor ich wieder nach Hause fahren kann. Dabei gibt es außer dem regnerischen Wetter, das durchaus jeden Tag trockene Stunden bietet, in denen man etwas unternehmen kann, nichts zu beanstanden. Das Ferienhaus ist schön, das Essen gut, die familiäre Stimmung heiter, selten wolkig und oftmals sehr entspannt. Keiner hat mir etwas getan, äußerlich passt alles. Und gleichzeitig fühle ich mich seit längerem wieder völlig sinnlos, überlege mir, was ich hier (im Urlaub) eigentlich mache, wenn ich es doch nicht wirklich genießen kann, und was ich hier (auf der Erde) eigentlich mache, weil ich mir wieder mal nicht sicher bin, was für eine Aufgabe ich hier eigentlich habe und wo mein Platz ist. Ich bin grüblerisch, wenig in der Gegenwart und viel mit allem möglichen beschäftigt. Ich habe merkwürdige diffuse Ängste, wie ich sie schon ewig nicht mehr gespürt habe, bin in Situationen nervös, in denen ich meist sehr gelassen bin, bemuttere meine Kinder an merkwürdigen Stellen mehr als gewohnt und ernte nicht selten einen liebevollen aber irritierten Blick dafür. Ich träume nachts komische Dinge, werde zu Unzeiten wach, vermische die Umgebungsgeräusche mit meinen Träumen und bin morgens alles andere als ausgeruht. Unterm Strich gefühlsmäßig ein verdammter Tiefpunkt.

Der Vollmond am letzten Wochenende und die aktuelle Energie tun bestimmt wie so oft ihr übriges zu meiner derzeitigen Befindlichkeit. In letzter Zeit beobachte ich häufiger, dass sich meine inneren Themen mit zunehmendem Mond aufzubauen scheinen, klarer und intensiver werden, ich sie aber erst kurz nach dem Vollmond benennen kann, um dann absichtsvoll mit ihnen umzugehen. Gestern Abend (Ostern, der Tag nach Vollmond) ist mir beim Beobachten meiner Gedanken klar geworden, dass ich wieder einmal auf „Rettung“ und „Erlösung“ von außen warte. Eine Position zum Rest der Welt, die ich herrlich verinnerlicht habe und die dazu führt, dass ich erwarte, dass andere Menschen meine vermeintlichen Probleme erkennen und für mich lösen. Es dauert in solchen Prozessen bei mir immer ein paar Tage bis ich merke, wie sehr ich wieder in eine passive Rolle gerutscht bin, in der ich hoffe, dass irgendwann der Tag kommt, an dem mich jemand bei der Hand nimmt und für mich oder mindestens mit mir all meine Probleme und Sorgen löst und mir meinen Platz auf dieser Welt zuweist und mir die zugehörige wichtige Aufgabe benennt, die ich zu erfüllen habe. Inzwischen habe ich gelernt, anderen Menschen und auch den Umständen nicht mehr die „Schuld“ an meinem Befinden zu geben, daher möchte ich die Rolle, in der ich mich entdeckt habe, nicht als Opferrolle bezeichnen, aber von Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und positiver Gestaltung keine Spur. Und ja, irgendwie ist es schon noch eine Opferrolle, denn im Alltag kommt oft Wut hoch, wenn ich mich bei den täglichen Verrichtungen, die eine Familie mit Hund auch in den Ferien mit sich bringt, nicht ausreichend unterstützt fühle. Streit ums Gassi gehen sind gerade an der Tagesordnung und wie so oft sind meine Kinder wunderbare Spiegel meiner inneren Situation.

Zum Glück sehe ich seit gestern Abend klarer, erkenne, ich welche Ecke ich mich unbewusst manövriert habe und kann nun nach und nach wieder selber das Ruder übernehmen und den Kahn aus der Sackgasse steuern. Das geht nicht von jetzt auf gleich, aber der wichtigste Schritt in solchen Phasen ist für mich immer, wieder aktiv zu werden, die Richtung zu bestimmen und mich anders zur Situation zu positionieren, so dass sie zwar noch da sein mag, ich mich aber in ihr nicht treiben lasse sondern wieder beginne aktiv zu gestalten. Ein erster wichtiger Schritt ist es jedes Mal, wieder Verbindung zu meiner Intuition herzustellen, zu der ich den Zugang in den letzten Tagen schleichend und unbemerkt verloren habe. Dieser Zustand verursacht in mir immer ein Gefühl des allein gelassen seins und der Schutzlosigkeit, nicht selten auch etwas Panik. Diese gilt es zu überwinden, um wieder in Verbindung mit meiner inneren Stimme zu kommen, die in den vielen guten Phasen in meinem Leben sehr ausgeprägt und unterstützend ist. Neben der Absicht mich wieder der Intuition zu öffnen, helfen mir Spaziergänge und ausgewählte Essenzen bei diesem Prozess. Danach tut es mir oft gut, meine Gedanken und Gefühle zu sortieren, indem ich z.B. schreibe oder meditiere, aufräume, aussortiere oder putze. Ich gestalte durch mein ganz alltägliches (bewusstes) Tun einen kleinen Neuanfang, verlasse nach und nach das Wellental, in dem ich mich in den letzten Tagen befunden habe und nehme die nächste große Welle, um wieder auf ihr zu surfen. Offen für das Leben und in dem Bewusstsein, dass nur ich der Gestalter meines Lebens bin.

Meine Vermutung, warum ich immer und immer wieder in diese Wellentäler rutsche? Weil in jedem Wellental ein wichtiger Wachstumsschritt liegt, der das Surfen auf der nächsten Welle noch schöner macht. Die Themen, die mir in den Wellentälern begegnen sind immer wieder die gleichen. In meinem Fall geht es häufig um den Wunsch nach Zugehörigkeit, Sinnhaftigkeit und Anerkennung. Angst vor Mangel, Ablehnung und Sinnlosigkeit sind deutliche Zeichen für ein Wellental. Ein scheinbares Feststecken in der dreidimensionalen Welt und ein gefühltes abgeschnitten sein von meiner Intuition runden das Bild ab. Das Vertrauen darein, diese Wellentäler unbeschadet zu überstehen wächst mit jedem Mal, und die Wellen, auf denen ich in guten Zeiten surfe, werden größer und schöner und ich halte mich von Mal zu Mal länger oben.

Das Abrutschen von der Welle ins Tal wird oft von einer Verfeinerung meiner Wahrnehmung begleitet, was dazu führt, dass ich Worte und Gesten intensiver wahrnehme, ich oft noch feiner rieche, die unterschiedliche Energie von Orten und Menschen noch deutlicher spüre und allein dadurch nicht selten Schwierigkeiten habe, innerlich im Gleichgewicht zu bleiben. Mein ganzes System scheint mit dieser höheren Sensitivität beschäftigt zu sein, und so sind Wellentäler bestimmt häufig auch Zeiten der Integration und der Anpassung an verfeinerte Sinne, die mir helfen, die nächste Welle mit noch mehr Freude und Leichtigkeit zu surfen.