Aufgeben ist keine Option – von Hilflosigkeit, Frustration und Hoffnung

Das Gesicht im Spiegel sieht müde aus, ausgelaugt und erschöpft, ganz anders als das Gesicht, das mir vor zwei Wochen noch aus dem Spiegel entgegenstrahlte, braun gebrannt, gut erholt und voller Tatendrang. Ich rede dem müden Gesicht gut zu, nehme die Augenringe zur Kenntnis und schmeiße spontan die Planung für diesen Vormittag über den Haufen. Bevor ich mich an die Arbeit setze, kümmere ich mich um mich, um die Verwüstungen, die der Sturm hinterlassen hat, der vor einer Stunden in mir tobte, als eins meiner Kind zum wiederholten Mal für diese Woche nicht aufgestanden ist, um in die Schule zu gehen. Ich werde mich um diese Gefühle von Hilflosigkeit, Frustration, Aggression und Weglaufen wollen kümmern, die sich in mir breit gemacht haben. Binnen Sekunden waren all diese Gefühle da, einfach nur, weil mir klar wurde, dass dieses Kind heute wieder im Bett liegen bleiben würde. Kommentarlos und sich aller Konsequenzen bewusst, scheinbar ohne Angst vor den Folgen, blieb es liegen und bat dadurch kein Ventil für all die Gefühle, die sich in mir über die letzten Jahre aufgestaut hatten (Anm. d. R.: kluges Kind).

Tief atmen, den Boden unter den Füßen spüren, und den Fokus ganz bewusst auf das lenken, was gerade gut ist, hat fürs erste geholfen, den Sturm der Gefühle nicht Überhand nehmen zu lassen. Es hat mich in den letzten Jahren viel Übung gekostet, meinen Unmut und meine Frustration nicht an meine anderen Kindern weiterzugeben. Zu oft haben die Geschwister den Frust zu spüren bekommen, der in mir durch das Verhalten eines Kindes ausgelöst wurde.  Doch heute früh konnte ich sogar die Umarmungen meiner Tochter annehmen und mich auf sie einlassen, obwohl ich für einen langen Moment so gerne die ganze Welt für meine miese Stimmung und diese wahnsinnig belastende Situation verantwortlich gemacht hätte. Anfänglich mühsam und dann immer besser ist es uns Eltern heute gelungen, die beiden Kinder, die in die Schule gegangen sind, liebevoll und ruhig auf ihren Weg zu schicken ohne sie zusätzlich mit unseren Sorgen und unserem Frust zu belasten (Anm. d. R.: gespürt haben sie es natürlich trotzdem).

Jetzt sitze ich alleine am Esstisch, habe meine Pläne für den Vormittag geändert und beobachte, wie sich mein innerer Ozean nach diesem heftigen Gefühlssturm langsam wieder beruhigt. Das intensivste Gefühl heute früh war das der Hilflosigkeit. Hilflos, weil ich den Eindruck habe, keine Lösung für mein Kind finden zu können, die ihm, seinen Bedürfnissen, unseren Bedürfnissen (Anm. d. R.: und Ansprüchen) und den Schulgesetzen in Deutschland gerecht wird. Seit Jahren treibt uns das Verhalten unserer Kinder weit aus der Komfortzone. Wir haben viele unserer Erwartungen und Überzeugungen über Bord geworfen, haben unsere Einstellung zum Leben, zur Kindheit, zur Schule immer wieder überdacht und sind immer noch nicht im ruhigen Fahrwasser angekommen. Wir haben schon so viel erreicht, mit dem festen Glauben an Lösungen, und weil aufgeben nie eine Option war. Dass unser ältestes Kind nun stabil, selbstsicher und mit großem innerem Antrieb durch sein Leben geht, war lange keine Selbstverständlichkeit. Nach fordernden Zeiten gab es viele gute Lösungen. Viel Grund zur Freude, aber heute bin ich so erschöpft, dass ich diese Freude nur schwach wahrnehmen kann. Ich wünsche mir Ruhe, endlich (inneren) Frieden und einen funktionierenden Alltag, und gleichzeitig weiß ich, dass ich dann in meiner Komfortzone bleiben würde. Dass ich mich dann viel leichter damit abfinden würde, dass Kindheit und Schulzeit in Deutschland halt so sind, wie sie sind. Und verglichen mit vielen Ländern auf dieser Welt, sind Kindheit und Schulzeit in Deutschland wirklich ein Paradies. Warum also nicht zufrieden sein, wenn alles einigermaßen rund läuft? Ja, vermutlich würde ich genauso denken und aufhören, die Dinge ändern zu wollen. Mich zufrieden geben, wenn da nicht dieses Kind wäre, das mich durch sein Verhalten immer wieder an den Rand des Wahnsinns treibt, mich immer wieder antreibt, aktiv zu werden, Lösungen zu suchen, die außerhalb des Bekannten liegen, neue Wege zu finden und zu gehen. An Tagen, an denen ich nicht so ausgelaugt bin wie heute, sehe ich die große Stärke und den Mut meines Kindes, sich nicht fügen zu wollen in Systeme und Bedingungen, die ihm nicht gerecht werden. Wir müssen neue Wege finden, um jedem Kind in seiner Entwicklung, in seinen Talenten, in seinem Sein gerecht werden zu können. Ja, Kindheit und Schulzeit in Deutschland sind viel weniger schlecht als in vielen anderen Ländern, und das weiß ich zu schätzen, aber es geht bei weitem noch besser! Ich hoffe, dass wir bald Lösungen für uns als Familie finden, und dass sich immer mehr Eltern öffnen für einen weiteren Blickwinkel auf Kindheit und Schule. Und so bleiben nach einem heftigen Gefühlssturm an diesem Vormittag das Gefühl von Hoffnung und die Überzeugung, dass wir auf einem guten Weg sind!

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